Interview of Constanza Macras in tip Berlin

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Was bedeutet die Pandemie für Künstler*innen im globalen Süden und für Menschen, die nicht zur europäischen Mittelschicht gehören? Braucht die Welt jetzt ausgerechnet Theater? Antworten der argentinischen, in Berlin lebenden Choreografin Constanza Macras.

Interview: Peter Laudenbach

Frau Macras, zum Einstieg eine Frage, die man derzeit eigentlich nicht mehr hören kann: Wie geht’s?
Constanza Macras: Ziemlich gut. Die Tatsache, dass wir nicht alle geplanten Produktionen realisieren konnten, hat ironischerweise dazu geführt, dass wir die Lücke in unserer Finanzierung ohne Defizit ausgleichen konnten. Aber dank der IBB konnten wir einen Teil der Probegagen zahlen. Wir haben „The West“ an der Volksbühne und „Hyperreal“ am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. Auf der persönlichen Ebene: Meine Familie hat den Lockdown gut überstanden, das Homeschooling war kein Drama, aber das ist vor allem der Verdienst meines Sohnes. Meine Compagnie und ich freuen uns auf die nächste Spielzeit in der Volksbühne und den Beginn von René Polleschs Intendanz.

Sie und Ihre Compagnie „Dorky Park“ arbeiten mit vielen internationalen Partnern, zum Beispiel in Südafrika oder in Argentinien. Können Sie beschreiben, welche Folgen die Pandemie für Künstler*innen in ärmeren Ländern des globalen Südens hat?
Die Pandemie ist verheerend für die kulturellen Szenen, die nicht wie in Deutschland mit staatlichen Hilfen unterstützt werden. Die Menschen machen irgendwie weiter und sind einfallsreich. Aber in Südafrika und Argentinien ist die Situation der Künstler sehr
schwierig. Die Theater in Buenos Aires öffnen wieder mit begrenzten Plätzen, das bringt etwas Hoffnung. Aber die gesamte Wirtschaft erlebt eine Rezession, die Folgen werden für eine lange Zeit zu spüren sein.

Haben Sie Möglichkeiten, befreundeten Künstlern in diesen Ländern zu helfen?
Das haben Mitglieder der Compagnie und ich selbst zu Beginn des ersten Lockdowns privat getan . Später konnte ich mit südafrikanischen Künstlern, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten, ein Stipendienprogramm realisieren, das von der Kulturstiftung des Bundes mitfinanziert wird: Die Künstler arbeiten dazu, wie die Pandemie unser Lebe verändert, über häusliche Gewalt oder Beerdigungen auf Zoom.

Sie und Ihre Compagnie arbeiten frei und ohne den Schutz einer Festanstellung am Staatstheater. Wovon leben Sie und Ihre Tänzer*innen nach über einem Jahr der Pandemie?
Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, als Compagnie, die seit Jahren im Kern mit denselben Leuten arbeitet und ein Repertoire an Stücken hat, den Künstler*innen ein Minimum an Würde und Sicherheit zu bieten. Bei Dorky Park sind 4 Tänzer*innen unter Vertrag, aber das ist nicht einmal die Hälfte unseres Casts. Zu Beginn des ersten Lockdowns wollten wir mit einer Produktion beginnen. Um die Proben nicht ausfallen zu lassen, haben wir einige Wochen auf Zoom geprobt, so dass die freien Mitarbeiter einen Teil ihrer Gage bekamen. Aber so können wir keine ganze Inszenierung machen, wir mussten die Arbeit abbrechen. Im zweiten Lockdown mussten wir die Produktion erneut verschieben. Mit einem anderen Projekt konnten wir im Sommer Freelancern Arbeit geben, die mit der Compagnie und Lisi Estaras in der Inszenierung „Bibliomaniacs“ arbeiten. Im November haben wir für eine
Aufführung geprobt, die wir verschieben mussten, aber wir konnten die Künstler*innen für die Proben bezahlen. Es war sehr lückenhaft, aber wir haben es geschafft, Honorare zu zahlen. Die Freiberufler der Compagnie arbeiten auch in anderen Jobs, sie kommen irgendwie über de Runden, aber es ist schwierig.

Wie geht es für Ihre Compagnie weiter?
Wir werden in ein paar Wochen unsere Proben beginnen und ich hoffe, dass wir danach in einen Rhythmus kommen, der stabiler ist. Wir holen im April zwei ausgefallene Shows von The West nach und in der zweiten Hälfte haben wir eine Premiere an der Volksbühne .Ich werde auch die Arbeit jüngerer Künstler in unseren neuen Studio in der „Fahrbereitschaft“ präsentieren und produzieren .

Sie haben in Ihren Stücken öfter den Kollaps der gesellschaftlichen Ordnung, das Wegbrechen aller Sicherheiten, die Implosion der Mittelschicht gezeigt. Sie selbst haben in ihrer Jugend in Argentinien die Wirtschaftskrise der 1990er Jahre erlebt, in der große Teile der Mittelschicht verarmt sind. Kommt es ihnen sehr bekannt vor, was wir gerade erleben? ​
In Deutschland gab es im vergangenen Jahr staatliche Hilfsleistungen in einer Weise, die in vielen Ländern unvorstellbar ist. Ein Freund aus New York schickt mir oft Videos von Straßen, in denen jeder einzelne Laden zu vermieten ist, sie sind alle bankrott. Ich habe das gleiche Bild in Buenos Aires gesehen. Im ersten Lockdown hat mich ein Roma-Tänzer unserer Produktion „Open for Everything“ kontaktiert. Wir hätten in New York spielen sollen, aber es wurde verschoben. Er kam, um in einer deutschen Fabrik zu arbeiten, es gab ein Missverständnis, er wurde gekündigt und bekam nicht mal Geld für den Zug nach Hause. Für mich hat der globale Lockdown gezeigt, dass Mittelklasse zu sein bedeutet, zuhause sein zu können. Die Fabriken arbeiten immer weiter, die Armen konnten nie einfach zu Hause bleiben. Der Lockdown selbst ist der Marker der tiefen Ungleichheit. Ich fühle sehr mit den unabhängigen, kleinen Geschäften, die kollabieren. Es trifft viele Menschen, auch hier. Wir erleben eine schöpferische Zerstörung, wir sind am Anfang eines neuen Zyklus. Wir müssen wachsam sein, um die Reste der sozialen Sicherungssysteme nicht zu verlieren.

Sie haben im Februar, mitten in der Pandemie, ein Stück in Chile inszeniert. Wie geht das?
Wir haben eine Einladung zum internationalen Theaterfestival Santiago a Mil bekommen. Es war schwierig und fantastisch. Wir haben die Proben in den ersten drei Wochen auf Zoom begonnen, das hat trotz meiner Befürchtungen erstaunlich gut funktioniert. Die Show
heißt „Album/ The Pose“ und beschäftigt sich mit Selfies und analogen Bildern der Darsteller. Ihre Geschichten und das Vertrauen, das sie uns gegeben haben, waren sehr bewegend . Danach ging es nach Chile. Wir haben mit allen Tänzer*innen geprobt, mit Masken und
Lüftung alle 2 Stunden.
Wir hatten alle PCR-Tests, aber weil es einen positiven Fall in unserem Flugzeug gab, mussten wir in Quarantäne. Am Ende hatten wir technische Endproben auf Zoom und versuchten, die Tonqualität durch die Computerlautsprecher zu erraten. Die Aufführung fand
dann draußen statt, da das Publikum noch nicht in den Theaterraum durfte. Nach der letzten Show haben wir gefeiert, als Tränengas von den Protesten draußen in die Party wehte. Das Team war großartig, sie haben das Unmögliche möglich gemacht. Es war ein politischer Akt des Festivals, die Aufführung nicht als Livestream zu zeigen, sondern Theater zu machen trotz aller Hindernisse.

Uncharmante Frage: Braucht die Welt gerade unbedingt Theater?
Ja, absolut. Theater hat eine soziale und politische Funktion. Es ist eine alte Disziplin, es überlebt Pandemien und Kriege. Ich denke oft an die Festivals auf dem Balkan, ich hatte das Glück, zweimal dabei zu sein, Mess Sarajevo und Bitef in Belgrad. Man spürte, die Bedeutung, die sie für die Menschen in der Region und für die Gesellschaft hatten – ein ungeheuer leidenschaftliches und bewegendes Publikum.

Glauben Sie, dass die Pandemie-Jahre das Theater verändern?
Der Inhalt wird sich ändern, vielleicht bekommt es auch einen mystischeren Charakter, wenn das Theater den Raum der Performance mit dem Publikum und der Öffentlichkeit teilen kann. In letzter Zeit stelle ich mir das Theater als eine heimliche Praxis in einer dystopischen Welt vor. Was ich wirklich hoffe, ist, dass die Kunst des Theaters nicht digital wird. Das wäre ihr Tod.

Fehlt eine Frage? Welche?
Wir haben in den letzten Jahren gekämpft, um Tänzer*innen der Compagnie eine Anstellung zu verschaffen. Das ist eine Frage des Respekts und der Würde. Jetzt macht das mehr Sinn denn je. Ich bin froh, dass es Pläne für ein Tanzhaus gibt. Aber es gibt so viele Tänzer in Berlin, die Tag für Tag leben, ohne eine wirkliche Anerkennung ihrer Arbeit: So wenig Anerkennung, dass sie keine Anstellung wert sind, wie Künstler*innen jeder anderen Disziplin in der darstellenden Kunst, und bei weitem die am schlechtesten bezahlten. Das ist untragbar. W enn du immer und immer wieder gesagt bekommst, dass deine Arbeit nicht existiert und dass sie nichts wert ist, dann verschwindet sie irgendwann vielleicht wirklich.

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La Nacion interviews Constanza Macras

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After an absence of 4 years, Constanza gives an interview to the main national newspaper La Nacion in Buenos Aires and talks about her creation at the international festival Santiago, about performing arts in times of crisis and public aid to support culture in Germany.

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